Erschreckend

Puh, ich schlafe wieder nur solala. Das Zimmer ist vollkommen ok, aber die Luft ist nicht anders als die in Cusco. Daher muss ich immer wieder husten. Es dauert ja nicht mehr lange.

Als ich aufwache, befürchte ich, die Dusche wird wie gestern sein: Kalt. Ich hab mich dennoch auf der Isla del Sol geduscht, gehörte aber einer Minderheit an. Ich werde allerdings hier überrascht. Die Dusche ist herrlich warm. Über Nacht ist es doch deutlich abgekühlt, weshalb ich gar nicht aufhören kann, eine ausgiebige, heiße Dusche zu genießen. Das gefällt mir überaus. Das Frühstück wiederum…besteht aus Tütchen-Instant-Kaffee. Das Brot schmeckt leider auch nicht, und ich erkenne die Erdbeermarmelade lediglich an der Farbe. Der Geschmack erinnert nur an Zucker. Geschmiert werden die Brote an der Theke – alle mit einem Messer. Ich sehe zum Glück niemanden das Messer ablecken, aber wer weiß das schon genau?

Und dann mache ich mich schon auf zur Seilbahn. Die nette Rezeptionistin hat mir gestern einen Weg aufgemalt. Leider verfügt sie über ähnliche malerische Fähigkeiten wie ich – also reichlich wenig. Ich ziehe dennoch los und frage mich durch. Eine ältere Frau bekommt das mit und nimmt mich unter ihre Fittiche. Nach ca. fünf Minuten verabschiedet sie sich, aber nicht ohne Warnung. Ich solle bitte aufpassen. Diese Straße hier sei Hauptdrogenumschlagsplatz. Ich muss die Straße nehmen, um zur Seilbahn zu gelangen. Tagsüber passiert nicht so oft was, aber doch noch häufig genug. Wenn mir einer ein Bonbon anbiete, dann sei da was drin, das mich benommen macht. Also nie was annehmen! Ich solle gut auf mich aufpassen.

Und jetzt? Nehme ich die Beine in die Hände und stürme los. Das ist ja nicht gerade vertrauenerweckend. Aber so leicht stürmt es sich nicht in dieser Höhe. Ich bin auf ca. 3.200 m gestartet und es geht steil bergauf. Meine Panik beflügelt mich. Ich schaffe es unbehelligt, aber schnaufend.

Die Seilbahn ist nett und fährt eine ganz schöne Strecke. Sie kostet gerade mal 3 Bolivianos, also ca. 30 Cent. Die Menschen müssen zur Arbeit kommen, weshalb es für jeden erschwinglich sein muss. Ich fahre hinauf und habe eine tolle Sicht über diesen Hexenkessel. Jedes Fleckchen scheint bebaut und das über eine riesige Fläche. Offiziell sind es unter einer Million Einwohner, aber das glaubt hier keiner. Wer vertraut schon einer Volkszählung in Südamerika? Einen riesigen Quadranten nimmt der Friedhof ein. Er ist für ganz La Paz…da kann man sich die Dimensionen vielleicht vorstellen. Wenn jeder, der hier stirbt, hier seine letzte Ruhe findet, muss es ja auch groß sein.

Es geht immer höher hinauf. Ich bin beeindruckt. An der Endstation bin ich auf 4.095 m. Ein kleiner Unterschied zu vorhin, hm? Und dann sehe ich, dass es noch eine Seilbahn gibt. Ok…kostet ja kaum was, also hinein! Es geht nicht höher hinauf, nur weiter hinaus in die Außenbezirke. Die sehen nicht einladend aus, obwohl hier auch die öffentliche Uni angesiedelt ist. Ich frage eine Frau, die mit mir in der Kabine sitzt, was am Ende der Seilbahn sei? Nichts, nur Wohngebiete. Diese Bahn sei erst seit einem Monat in Betrieb. Und was sollen die lebensgroßen Puppen, die im Overall an Laternen aufgehängt seien? Oh…das. Das seien die hässlichen, bösen Menschen, die einbrechen, rauben und allerhand Böses anstellen. Die Bevölkerung wolle sie aufgeknüpft sehen, aber die Regierung kümmere sich nicht. Dann schaut sie mir tief in die Augen: Ich solle um Himmelswillen aufpassen. Mir sei noch nichts passiert? Ein glücklicher Zufall. Der Rucksack gehört immer nach vorn. Dazu solle ich keinem trauen. Man würde ja sehen, dass ich Ausländer sei, dazu allein unterwegs und eine Frau. Also bitte, bitte, ich solle aufpassen. Und dann steigt sie aus. Gut. Das sitzt. Ich beschließe, oben umzukehren und einfach wieder herunterzufahren. Zu sehen gibt es ja eh nichts.

Auf der Rückfahrt bin ich zuerst allein, später dann mit anderen. Schon komisch, wie kritisch ich plötzlich mein Umfeld betrachte. Leider finde ich an der Umsteigestation keine Möglichkeit, die Stadt zu fotografieren. Alles ist zugebaut. Nun denn, dann fahre ich wieder zurück und mache Fotos. Im Abteil sitzt ein Student des Rechts. Er ist nett, dennoch halte ich meinen Rucksack fest. Besser ist’s. Er verabschiedet sich und wünscht mir alles Gute.

Ich laufe die komische Straße nahezu hinab. So eine Warnung ist ja gut und wichtig, nimmt mir aber auch die Leichtigkeit. So gehe ich einfach wieder zum Stadtkern zurück. Hier gibt es zwar Taschendiebe, aber ich sehe weniger mein Leben bedroht. Daher schlendere ich über eine Brücke zu einem anderen Stadtteil, mache meine Fotos und fühle mich wieder sicherer. Allerdings muss ich was essen. Einfach wäre ein Burger- oder Pizzaladen. Aber Sicherheit habe ich ja schon einmal vorhin gewählt. Daher gehe ich in ein Gebäude mit lauter kleinen Ständen. Wenn man da hochläuft, gibt es so was wie eine Fressmeile – allerdings mit nichts Zuhause zu vergleichen. Stand reiht sich an Stand. Die einen bieten Hühnchen an, die anderen Schwein, eine ganze Reihe offeriert Fisch. Das mit dem Fisch ist mir eine Spur zu heikel. Ich sehe hier auch keine Touristen, obwohl wir nahe des großen Platzes Sankt Francisco sind. Das hier ist was für Einheimische. Aber was denen schmeckt, kann kaum schlecht sein. Ich entscheide mich für was mit Hühnchen. Dazu gibt es Reis, eine Kartoffel, etwas Salat und etwas, das nierenförmig aussieht. Ich frage am Nebentisch, ob das Fleisch oder Gemüse sei? Vermutlich denken die, ich sei lala. Dabei wissen die nicht mal, wie sehr! Nein, es sei Gemüse. Na denn, probiere ich es mal. Es schmeckt mir nicht. Es sind die weißen Kartoffeln, die so eine Spezialität für Andenmenschen sind. Ausländer finden es ja meist fies. Ich bilde da keine Ausnahme. Der Rest schmeckt aber – für gerade mal zweieinhalb Euros.

Ich zockel‘ wieder los. Ein Gewirr von Sträßchen macht es mir schwer, den Ausgang zu finden. Ich frage eine kleine Omi um Hilfe. Die muss gerade zu einem Stand, bittet mich aber, kurz zu warten. Ich tue, wie mir geheißen. Nach fünf Minuten sammelt sie mich ein und winkt mir, ihr zu folgen. Und dann kommt ihr Rat: „Habla con nadie!“ Ich solle mit niemandem reden. Hier passiere so viel. Sie weist mir den Ausgang und betont noch mal, mit keinem zu reden. Es sei zu gefährlich. Jo…nicht so wirklich schön. Drei Warnungen sollten ausreichen.

Ich schaue mich in kleinen Lädchen um, trinke einen Kaffee an einem öffentlichen Platz, aber halte mich zurück. Ich entdecke ein Plätzchen im Schatten und lasse mich dort nieder. Ein alter Opi redet mit mir. Ich hoffe, das ist unverfänglich. Ich kann einfach nicht unhöflich sein. Er ist nett, aber als ich mich verabschiede, überprüfe ich dennoch meine Taschen. Alles ist gut gegangen.

Nun hänge ich ein wenig in einem Park herum, bevor ich zum Bus muss. Ich mag La Paz, aber die offensichtliche Kriminalität ist nicht ohne. Drogen sind ein großes Problem. Meine Mitbewohnerin meinte, Bolivien sei das ärmste Land Südamerikas. Keine Ahnung, ob das stimmt. Es zeigt aber wieder einmal, dass arme Menschen, die nichts zu verlieren haben, auch mal den falschen Weg beschreiten. Wenn ich eine Familie oder auch nur mich selber versorgen muss, wie kann ich das schaffen, ohne zu stehlen? Arbeit wird hier nämlich nicht immer entlohnt und wenn doch, dann zu wenig.

Vom Hotel aus bin ich zügig am Bushof, wo mich ein Polizist darauf aufmerksam macht, doch bitte den kleinen Rucksack anzuziehen, da er sonst im Nu weg wäre. Dazu laufen dann auf einem großen Bildschirm Vermisstenanzeigen von überwiegend jungen Menschen. So schön es hier auch überall ist: Es ist und bleibt Südamerika und somit gefährlich.

Mit dem Bus werde ich dann hereingelegt. Vereinbart war ein größerer, aber vermutlich waren nicht genug Reisende da. Entsprechend fahre ich beengter – aber zum selben Preis. Sieben Briten indischer Abstammung sitzen direkt neben mir. Ich finde sie etwas zu laut und anstrengend, aber sie sind jung. Studenten, die darüber sprechen, dass sie spätestens mit 25 verheiratet sein müssen. Ah ja. Sie fragen mich höflich, ob ich wüsste, wo wir aussteigen und wie sie von da aus zur Innenstadt kämen. Da preise ich natürlich meinen geliebten kleinen Colectivo an. Ich erzähle ihnen auch von Salkantay-Trail, den sie noch vor sich haben. Die Jungs sind begeistert, die Mädels eher blass.

An der Grenze müssen wir aussteigen bei sehr kalten Temperaturen. Niemand begleitet uns. Es ist ein gutes Stück zu laufen, bis wir aus Bolivien „auschecken“ können. Dann geht es über eine Brücke zur Grenze von Peru. Wenn man wollte, könnte man hier locker illegal einreisen, weil uns auch keiner kontrolliert. Wir verbringen fast eine Stunde draußen, bis unser Bus aufkreuzt. Einzige Beruhigung: Wir sind zusammen.

Unterwegs, als alles schläft, stoppt der Bus dann doch plötzlich, weil drei Polizisten mit Taschenlampen alles auf den Kopf stellen. Der Busfahrer hat unterwegs immer mal wieder Einheimische auf- und abgeladen, aber ob das illegal war, weiß ich nicht. Die Polizisten klopfen alles ab, bevor sie wieder davonmarschieren. Ich schlafe noch etwas, bis wir dann um zwanzig nach fünf am Bushof ankommen. Die Taxifahrer Nerven mit ihrem Geschrei, also gehe ich zufuß los. Eigentlich dämlich zu dieser Zeit in dieser Gegend, aber ich schaffe es unbeschadet. 

Und jetzt? Nehme ich eine Dusche und trinke einen Kaffee. Es ist Viertel nach sieben, da darf ich das. Ein großes weinendes Auge wird mich am Montag begleiten, aber auch ein lachendes und erleichtertes. Einfach ist es hier nicht gerade…

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