Komisch

Ich kann nicht noch ein Ründchen schlafen, weil ich sonst heute nicht mehr auf die Strümpfe komme. Entsprechend bin ich froh, als meine Mitbewohnerin endlich aufsteht und mit mir frühstückt. Ich habe unterschiedliche Brötchen besorgt – natürlich alle aus Weizenmehl. Mein erstes Körnerbrötchen in Deutschland wird mich vermutlich weinen lassen.

Um halb elf nehme ich einen Colectivo – mein blauer lässt mich hängen. Nicht gut. Dieser andere fährt so doof, dass ich dann doch früh aussteige und die Hälfte zufuß zurücklege. Da entdecke ich eine große Halle mit etlichen kleinen Ständen. Ich brauche noch ein Tuch für mich und werde nun endlich einmal handeln. Kurzum: Niemand hier lässt sich darauf ein. Dann eben nicht. Alles nervt gerade ohnehin ein bisschen. Menschen bleiben plötzlich völlig grundlos stehen. Die Stadt beherbergt mir gerade entschieden zu viele Touristen. Schon klar, ich bin auch einer, fühle mich jedoch eher als Einheimische. Ich schätze, das alles ist einem frühzeitigen Blues zu verdanken. Es erscheint mir eigenartig, dem allen hier den Rücken zu kehren. Hierzubleiben ist allerdings auch keine Alternative. Trotzdem… Klingt wie ein Kleinkind, ich weiß. Ist aber gerade einfach so.

Ich gehe hoch zum Viertel St. Blas. Das ist nicht so touristisch, und ich suche noch ein Tuch. Ich finde wieder eines, das mir gefällt, aber es ist entschieden zu teuer. Und dieses Mal kann ich handeln. Juchuuu! Ich bin stolz auf mich. Ich schlendere durch die Gassen und spüre ein Verlustgefühl. Ja, so fühlt sich Abschied an.

Ganz wichtig: Ich muss noch zum Mercado San Pedro. Ohne kann ich nicht von hier wegfahren. Vor dem Markt sind etliche Stände aufgebaut, unter anderem auch einer, der zwei gebackene Meerschweinchen gegeneinander gelehnt hat. Als Omi meinen Blick erhascht, preist sie ihre selbstgemachte Wurst an. Es ist bestimmt eine Delikatesse – und auch nur aus Schweinefleisch – aber grobe Wurst mag ich überhaupt nicht. Irgendwie finden die Einheimischen meinen Gesichtsausdruck immer lustig, wenn ich was betrachte. Ich muss wohl ziemlich angewidert schauen.

Drinnen ist es wie immer. Wuselig, tausend Gerüche und viele Menschen. Ich gehe nach hinten zu den Essensständen. Das gefällt mir immer gut hier. Ich esse eine Kleinigkeit, als ich einem Schwabenpärchen lausche, das so gar nicht weiß, was die Frau ihnen gerade erzählt. Und ich? Übersetze einfach mal. Ach, fühlt sich das genial an! Ich übersetze für andere! Da bin ich dann schon kurz stolz. Nach einem frischen Saft gehe ich dann aber doch zurück zur Wohnung. Wir wollen ja noch mit Efrain essen.

Zum Glück sind die Peruaner ja so zuverlässig – haha. Efrain verschiebt das Essen auf Sonntag. Dafür fragt Ellie, ob wir uns heute statt morgen treffen könnten. So löst sich dann alles wieder auf. Allerdings bittet Ellie mich, zu ihr zu kommen. Ich war noch nie in dem Gemeinschaftsappartment. Mit dem Taxi – ich verhandel‘ wie eine Einheimische – geht es dann los. Bis ich das Gebäude gefunden habe, bin ich schon wieder verzweifelt. Aber es klappt dann doch. Wir reden lange – zwischendurch ist Max (ein Voluntär) auch kurz da. Größtenteils sind wir aber ungestört. Ellie ist so lieb, dass ich mir neben ihr immer wieder eine ultraharte, toughe Frau vorkomme. Sie erzählt von ihrer tschechischen Familie, die aus lauter lieben Frauen zu bestehen scheint, die das Leben bzw. ihre Männer sehr stark geprägt haben. Wir haben alle unsere Geschichten… Was bei Ellie so schön ist, ist ihre Empathie. Sie leidet und fiebert mit, verliert kein böses Wort, während ich wie ein Kesselflicker fluche und ist einfach ruhig. Obwohl wir so verschieden sind, verstehen wir uns so gut. Zum Abschied umarmen wir uns mehrfach…ich werde sie in Prag besuchen, wenn sie wieder dort wohnen wird. Und sie will auch Deutschland besuchen. Wir werden sehen, aber ich bin mir sicher, wir werden uns wiedersehen. Sie war hier, als ich mich meinen Herausforderungen gestellt habe und hat mich immer bestärkt. Ich bin nachtragend – eben auch in guten Dingen. Das werde ich ihr nie vergessen.

Zurück auf der Straße, versuche ich, ein Taxi anzuhalten. Es dauert an die zehn Minuten. Als dann endlich eines hält, frage ich nach dem Preis. Nee, die Strecke fahre er heute nicht. Es sei doch alles gesperrt. Irgendeine andere grande fiesta. Äääh…ich bitte ihn, mich möglichst nah heranzufahren. Ok, für sechs Soles. Wie bitte? Nee, für vier! Da Ich echt befürchte, nicht mehr wegzukommen, schiebe ich schnell fünf hinterher. Alles geht gut. Wir fahren los und entdecken, dass die Sperrung noch nicht aktuell ist. Der Verkehr ist zwar der Horror, aber er bringt mich bis vor die Haustür. Da ich das so nett finde, gebe ich ihm sechs Soles. Nein, nein, wir hätten fünf vereinbart. Die sind doch nicht mehr normal, oder? So müssen sie laut meiner Mitbewohnerin immer sein. Wenn was vereinbart ist, dann halten sie daran fest. Da ich aber Böckchen bin, lasse ich ihm keine Wahl. Er bedankt sich überschwänglich. Für einen Sol mehr. Ich werde nicht schlau aus ihnen, habe sie aber sehr gern.

Mit meiner Mitbewohnerin geht es dann spät noch zur Pizzeria. Marita ist nicht da, hat nicht gekocht oder gar etwas besorgt. Die Küche sieht wieder aus wie Sau. Sie hatte mich ja inständig gebeten, bloß nicht zu spülen. Ich lasse es auch, bin aber angewidert von diesem Saustall. Meine vorletzte Nacht in Cusco läute ich früh ein. Es geht mir gut, aber der Blues ist den ganzen Tag über nicht verflogen. Mal schauen, wie es morgen wird. Ich muss noch packen, worauf ich sogar keine Lust habe. Kann mal bitte einer meinen Schwager rüberbeamen? 

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