Abschied und Ankunft

Ich bin um 4:10 Uhr wach, mache mich leise zurecht und wandere entspannt zum Flughafen. Das Einstretchen des Koffers läuft bestens, das Einchecken und alle Kontrollen ebenfalls. Das Boarding hingegen…puh. Über eine halbe Stunde später starten wir. Ich habe in Lima nur zwei Stunden – mit auschecken, Koffer einsammeln, raus aus dem Gebäude, rein ins nächste, Koffer aufgeben, einchecken…und davon fehlt nun schon eine halbe Stunde. Irgendwie schaffe ich es dann aber doch, obwohl ich die Drittletzte am Schalter bin. Der Flieger geht aber auch mit Verspätung los.

Ich weiß nicht, wann ich jemals so beengt gesessen habe wie bei AirEuropa. Das ist der absolute Superkrampf. Und das sage ich, nachdem ich im Dschungel und bei Marita gelebt habe und weiß, wie wenig Komfort es gibt. Das hier macht keinen Spaß. Und das Essen, was sie einem reichen, ist auch…äääh…ja, auch nach dem Essen im Dschungel grenzwertig. Da fand ich Juanitas Zapallo-Soße besser – und das will was heißen. Die Frau neben mir ist ganz süß. Eine Peruanerin, die ihren Schwager in Italien besucht. Weil ich richtig müde bin, brauche ich für das Gespräch mehrere Anläufe. Spanisch mit halben Hirn zu verstehen und zu sprechen, ist nicht so einfach. Aber es klappt alles.

In Madrid geht dann alles reibungslos. Es werden Leute herausgewunken, die sofort ihren Pass zeigen müssen. Komischerweise ziehen sie nur nicht-europäisch Aussehende heraus. Willkommen in der EU. Dann gibt es später zwei Schlangen an der Passkontrolle: Eine für EU-Bürger, eine für alle anderen. Eine Frau links von mir fragt mich auf Englisch, wo sich denn zukünftig die Engländer hinstellen müssten? Ich mutmaße, sie müssten in die andere Schlange. Wir plaudern weiter, bis ich sie frage, woher sie sei? Deutschland. Na, dann reden wir doch wieder in unserer Sprache. Nach Monaten mit Spanisch, Deutsch und Englisch, fehlen einem bisweilen ein paar Vokabeln in der eigenen Sprache – lustig, aber wahr. Macht aber nichts. Auch das überwindet man, wenn man Bullet Ants überlebt hat.

Die letzten zwei Stunden von Madrid nach Frankfurt werden einem bei AirEuropa dann richtig versüßt. Es gibt nichts, nada…also Hängen im Schacht. Das nenne ich mal Service. Völlig durstig erreiche ich den Flughafen in Frankfurt. Mein Koffer hat überlebt! In der Tat kommen sowohl Rucksack als auch Koffer so ziemlich als erste Gespäckstücke. Ich verabschiede mich von einem Mädel aus Köln, das ich bereits in Lima kennengelernt habe. Ihren Namen weiß ich nicht. So ist das manchmal. Man läuft nebeneinanderher, quatscht über Gott und die Welt, cremt das Tattoo des anderen ein und klebt es ab…..haaaaaaaalt! Nein, natürlich nicht ich. Das Mädel ist 21. Sie darf so was noch machen. Bei mir wäre das mit 40 vermutlich eher so unter „midlife crisis“ anzusiedeln, wobei ich zugeben muss, dass das Tattoo richtig cool aussah und mich gereizt hätte. 

Und dann steht er auch schon da: Mein Schwager, persönlicher Chaffeur, Organisator, ruhender Fels in jeglicher Brandung, Vertrauter, Freund und geduldiger Gegenpol zu mir – kurzum: Mein bester Schwager. Ich bin Zuhause. Klar, es sind noch einige Kilometer, aber das macht ja nicht Zuhause aus. Zuhause heißt für mich eher die Menschen, die mir nahestehen. Insofern war auch Chaskawasi ein Zuhause. 

Zuhause Zuhause, also in meiner Bude, erwarten mich dann ein Prinzregentenkuchen, Almdudler, holländischer Gouda usw. Alles, was ich wohl mal im Blog erwähnt (weil vermisst) habe, hat mein „kleinster Cousin“ herangeschafft. Da soll man keinen Pipi in den Augen haben dürfen? Eben. 

Ich bin Zuhause. Fühlt es sich verändert an? Nein. Komischerweise so gar nicht. Heimweh kenne ich nicht. Dafür habe ich wohl genug Urvertrauen, denn ich weiß ja, ich kann immer umkehren. Ob ich es weiterempfehlen kann, so eine Reise zu wagen? Ja, in jedem Fall. Angst hatte ich mehr als genug. Sorge, einfach zu versagen…ich dachte kurz vorher sogar, den schlimmsten Fehler meines Lebens zu begehen, weil es einfach das Ungewisse ist, das ich am meisten fürchte. Und wenn man dann springt und spürt, dass das Leben einen trägt, wie sich alles fügt, dann ist das berauschend, erfüllend und auf einmal keine große Sache mehr. Rückblickend ist das viel leichter zu sagen, ich weiß. Aber auch wenn ich schnell wieder an meine alte Umgebung gewöhnt bin, hat sich im Innen doch einiges getan. Die Zufriedenheit ist zurückgekehrt, ich bin wieder mehr bei mir, habe tolle Menschen kennenlernen dürfen und manches sehen und erleben dürfen, was es vorher in meinem Kopf nicht gab. Und dafür bin ich dankbar.

Apropos dankbar: Danke Euch allen für das fleißige Lesen, die Unterstützung, die aufmunternden Worte, das Mitfiebern, Mitlachen und bisweilen auch herzhafte Auslachen (bspw. bei der Flohgeschichte). Bei mancher Grübelei hat mir das sehr geholfen zu wissen, Ihr seid da draußen und glaubt an mich – mehr oder weniger. 😉 Meine Reise ist hier nun zuende… Ich wünsche jedem so tolle Menschen auf ihren Wegen, wie ich sie hatte und habe. Und jetzt? Genieße ich Kuchen und Kaffee…und am Abend einen Cocktail…oder zwei….oder drei….

Der letzte Tag ist gekommen

Nun ist er da: Der letzte Tag meiner Reise. Ich wache früh auf und habe extreme Atembeschwerden. Naja, ist ja nicht mehr lange. Es liegt natürlich auch an Cusco, aber Marita kümmert sich kein bisschen um den Haushalt. Wirklich alles ist verdreckt und staubig. Hier in Cusco muss man vermutlich häufiger putzen, um dem Staub entgegenzutreten. Sie tut es einfach gar nicht. Das Zimmer, die Bettdecke, überall hängt/liegt Staub. Kein Wunder, dass ich so fertig bin.

Meine Mitbewohnerin ist auch zeitig auf. Ich hole wieder Brötchen, denn Marita kümmert sich ja nicht. Diese Nacht hat sie auch bei Rodrigo verbracht, der ja im selben Haus wohnt. Mir kommt das gelegen, denn ich brauche sie nicht. Gespült hat sie bislang immer noch nicht. Egal, wir haben ja noch Tassen und Teller. Da dies mein letztes Frühstück hier sein wird, ist es mir egal.

Anschließend gehe ich fünf Minuten zum Flughafen und staune mal wieder nicht schlecht, dass wirklich niemand dort Englisch spricht. Ich will fragen, wann ich morgen da sein muss, wenn mein Flieger um 6:50 Uhr losgeht? Um 5:30 Uhr reicht es. Und ich brauche Stretchfolie für meinen Koffer. Der ist so demoliert, dass er die Reise sonst nicht schafft. Dafür muss ich 36 Soles zurückbehalten. Wir gehen ja heute Abend noch essen, daher muss ich dafür auch noch Geld zurückhalten. Bleibt noch etwas…nicht mehr viel, aber ein paar Kröten. Ich müsste nur in die Stadt fahren. Ich kriege meinen Hintern nicht hoch. Die Sonne scheint, alles ist gut, aber ich mag nicht. Ich drücke mich vor dem Abschied. Außerdem muss ich noch packen. Und darauf habe ich noch weniger Lust. Wieso hat niemand auf das Beamen meines Schwagers reagiert? Pfffff.

Ich telefoniere und skype ein wenig, aber es nützt alles nichts. Der Koffer packt sich nicht von allein. Einmal angefangen, geht es dann doch recht zügig. Marita und Rodrigo waren vorhin kurz da und haben gefrühstückt. Doof, naiv, blöd oder was auch immer ich bin, habe ich damit gerechnet, dass sie zügig spülen. Nö. Die Teller, Tassen und eine angeschnittene Avocado haben sie uns aber hinterlassen. Mein Ekel ist nicht mehr steigerungsfähig, was meine Mitbewohnerin immer wieder aufs Neue amüsiert. Wir essen noch eine Kleinigkeit und plaudern etwas. Sie ist auch so völlig anders als ich. Für mich ist es spannend, wie unterschiedlich Menschen und ihre Ansichten sind. Wenn etwas emotional ist, zieht sie es immer ins Lächerliche, was ich schade findet. Sie ist nicht gefühlskalt, sondern einfach gehemmt. Manche Geschichte, die ich so gehört habe – auch von ihr – erklärt einiges. Wir sind alle das Ergebnis unserer Erfahrungen. Aber wir können uns jederzeit entscheiden, wie wir leben wollen. Sie hat sich für den harten Weg entschieden. Ich habe ihr vorhin gesagt, wie schwer es mir falle, ihr was zum Abschied zu wünschen. Sie versteht, was ich meine. Tja…alles nicht so einfach und vor allem nicht immer nur schwarz-weiß.

Luis – der Mann aus Lima, den ich im Mercado kennengelernt habe – schreibt mir hin und wieder. So auch heute Mittag. Da Vatertag ist, feiert er mit seiner ganzen Familie. Und davon schickt er mir ein Foto und wünscht mir eine gute Reise. So was ist einfach lieb. Und so sind die Leute hier. Er meint, ich werde Deutschland bei meiner Rückkehr anders sehen. Keine Ahnung, ob er recht behält. Ich denke, ich gewöhne mich schnell wieder an den Luxus, die Schnelligkeit und den Alltag. Aber ich hoffe, ein Teil dieses Gefühls von hier herüberretten zu können.

Nach ein paar Telefonaten komme ich dann doch noch zu dem Schluss, bereits vor dem Essen in die Stadt zu müssen. Eine letzte Runde durch mein wunderbares Cusco drehen. Ich fahre wieder mit dem Correcamino. Alles fühlt sich komisch an. Ich steige ein letztes Mal in der Nähe des Plaza St. Franzisco aus und gehe zu meinem geliebten Markt – der…geschlossen ist. Hallo? Wir dachten immer, der sei bis 19 Uhr sonntags geöffnet. Ja, Matsch am Paddel. Schade. Allerdings sind davor Stände aufgebaut. Nicht dasselbe, aber auch ganz nett.

Und dann höre ich vertraute Töne: Eine Gruppe Holländer steht an einem Stand. Klar, ich kann es ja nicht lassen, ich muss sie anquatschen. Wie kommt es, dass die Holländer immer megafreundlich und offen sind, wenn man sie trifft? Die können ja nicht alle dauerkiffen, um so drauf zu sein. Ich liebe dieses Völkchen echt.

Mit nun guter Laune schlendere ich weiter, sehe große Kunstskulpturen, die sie an einem Platz ausgestellt haben und staune einmal mehr, dass hier einfach immer was los ist. Auch vom Plaza de armas verabschiede ich mich und schmunzel über offenkundige Neuankömmlinge. Das scheint bei mir schon Ewigkeiten zurückzuliegen.

Das Restaurant – Efrain kommt natürlich peruanisch über eine halbe Stunde zu spät – ist schick. Und das Buffet? Ist herrlich. Er und meine Mitbewohnerin staunen, weil ich beim dritten Mal nicht mehr mit zur Auslage will. Auch zum Nachtisch gehe ich nur einmal und nicht dreimal, wie die beiden. Ich fliege in ein paar Stunden und will das durchaus erleben.

In der Bude zurück stelle ich erstaunt fest, dass gespült wurde. Nicht schlecht nach zweieinhalb Tagen, oder? Gespült…nicht gekehrt oder geputzt… aber immerhin gespült. Dafür ist Marita bereits in ihren Räumlichkeiten verschwunden. Ich kann mich also nicht verabschieden. Es gibt wenig, das mich noch kälter lässt. Nach meiner letzten Dusche in diesen Hallen sinke ich ruhig ins Bett. Morgen fliege ich heim, und das ist vollkommen gut so.

Komisch

Ich kann nicht noch ein Ründchen schlafen, weil ich sonst heute nicht mehr auf die Strümpfe komme. Entsprechend bin ich froh, als meine Mitbewohnerin endlich aufsteht und mit mir frühstückt. Ich habe unterschiedliche Brötchen besorgt – natürlich alle aus Weizenmehl. Mein erstes Körnerbrötchen in Deutschland wird mich vermutlich weinen lassen.

Um halb elf nehme ich einen Colectivo – mein blauer lässt mich hängen. Nicht gut. Dieser andere fährt so doof, dass ich dann doch früh aussteige und die Hälfte zufuß zurücklege. Da entdecke ich eine große Halle mit etlichen kleinen Ständen. Ich brauche noch ein Tuch für mich und werde nun endlich einmal handeln. Kurzum: Niemand hier lässt sich darauf ein. Dann eben nicht. Alles nervt gerade ohnehin ein bisschen. Menschen bleiben plötzlich völlig grundlos stehen. Die Stadt beherbergt mir gerade entschieden zu viele Touristen. Schon klar, ich bin auch einer, fühle mich jedoch eher als Einheimische. Ich schätze, das alles ist einem frühzeitigen Blues zu verdanken. Es erscheint mir eigenartig, dem allen hier den Rücken zu kehren. Hierzubleiben ist allerdings auch keine Alternative. Trotzdem… Klingt wie ein Kleinkind, ich weiß. Ist aber gerade einfach so.

Ich gehe hoch zum Viertel St. Blas. Das ist nicht so touristisch, und ich suche noch ein Tuch. Ich finde wieder eines, das mir gefällt, aber es ist entschieden zu teuer. Und dieses Mal kann ich handeln. Juchuuu! Ich bin stolz auf mich. Ich schlendere durch die Gassen und spüre ein Verlustgefühl. Ja, so fühlt sich Abschied an.

Ganz wichtig: Ich muss noch zum Mercado San Pedro. Ohne kann ich nicht von hier wegfahren. Vor dem Markt sind etliche Stände aufgebaut, unter anderem auch einer, der zwei gebackene Meerschweinchen gegeneinander gelehnt hat. Als Omi meinen Blick erhascht, preist sie ihre selbstgemachte Wurst an. Es ist bestimmt eine Delikatesse – und auch nur aus Schweinefleisch – aber grobe Wurst mag ich überhaupt nicht. Irgendwie finden die Einheimischen meinen Gesichtsausdruck immer lustig, wenn ich was betrachte. Ich muss wohl ziemlich angewidert schauen.

Drinnen ist es wie immer. Wuselig, tausend Gerüche und viele Menschen. Ich gehe nach hinten zu den Essensständen. Das gefällt mir immer gut hier. Ich esse eine Kleinigkeit, als ich einem Schwabenpärchen lausche, das so gar nicht weiß, was die Frau ihnen gerade erzählt. Und ich? Übersetze einfach mal. Ach, fühlt sich das genial an! Ich übersetze für andere! Da bin ich dann schon kurz stolz. Nach einem frischen Saft gehe ich dann aber doch zurück zur Wohnung. Wir wollen ja noch mit Efrain essen.

Zum Glück sind die Peruaner ja so zuverlässig – haha. Efrain verschiebt das Essen auf Sonntag. Dafür fragt Ellie, ob wir uns heute statt morgen treffen könnten. So löst sich dann alles wieder auf. Allerdings bittet Ellie mich, zu ihr zu kommen. Ich war noch nie in dem Gemeinschaftsappartment. Mit dem Taxi – ich verhandel‘ wie eine Einheimische – geht es dann los. Bis ich das Gebäude gefunden habe, bin ich schon wieder verzweifelt. Aber es klappt dann doch. Wir reden lange – zwischendurch ist Max (ein Voluntär) auch kurz da. Größtenteils sind wir aber ungestört. Ellie ist so lieb, dass ich mir neben ihr immer wieder eine ultraharte, toughe Frau vorkomme. Sie erzählt von ihrer tschechischen Familie, die aus lauter lieben Frauen zu bestehen scheint, die das Leben bzw. ihre Männer sehr stark geprägt haben. Wir haben alle unsere Geschichten… Was bei Ellie so schön ist, ist ihre Empathie. Sie leidet und fiebert mit, verliert kein böses Wort, während ich wie ein Kesselflicker fluche und ist einfach ruhig. Obwohl wir so verschieden sind, verstehen wir uns so gut. Zum Abschied umarmen wir uns mehrfach…ich werde sie in Prag besuchen, wenn sie wieder dort wohnen wird. Und sie will auch Deutschland besuchen. Wir werden sehen, aber ich bin mir sicher, wir werden uns wiedersehen. Sie war hier, als ich mich meinen Herausforderungen gestellt habe und hat mich immer bestärkt. Ich bin nachtragend – eben auch in guten Dingen. Das werde ich ihr nie vergessen.

Zurück auf der Straße, versuche ich, ein Taxi anzuhalten. Es dauert an die zehn Minuten. Als dann endlich eines hält, frage ich nach dem Preis. Nee, die Strecke fahre er heute nicht. Es sei doch alles gesperrt. Irgendeine andere grande fiesta. Äääh…ich bitte ihn, mich möglichst nah heranzufahren. Ok, für sechs Soles. Wie bitte? Nee, für vier! Da Ich echt befürchte, nicht mehr wegzukommen, schiebe ich schnell fünf hinterher. Alles geht gut. Wir fahren los und entdecken, dass die Sperrung noch nicht aktuell ist. Der Verkehr ist zwar der Horror, aber er bringt mich bis vor die Haustür. Da ich das so nett finde, gebe ich ihm sechs Soles. Nein, nein, wir hätten fünf vereinbart. Die sind doch nicht mehr normal, oder? So müssen sie laut meiner Mitbewohnerin immer sein. Wenn was vereinbart ist, dann halten sie daran fest. Da ich aber Böckchen bin, lasse ich ihm keine Wahl. Er bedankt sich überschwänglich. Für einen Sol mehr. Ich werde nicht schlau aus ihnen, habe sie aber sehr gern.

Mit meiner Mitbewohnerin geht es dann spät noch zur Pizzeria. Marita ist nicht da, hat nicht gekocht oder gar etwas besorgt. Die Küche sieht wieder aus wie Sau. Sie hatte mich ja inständig gebeten, bloß nicht zu spülen. Ich lasse es auch, bin aber angewidert von diesem Saustall. Meine vorletzte Nacht in Cusco läute ich früh ein. Es geht mir gut, aber der Blues ist den ganzen Tag über nicht verflogen. Mal schauen, wie es morgen wird. Ich muss noch packen, worauf ich sogar keine Lust habe. Kann mal bitte einer meinen Schwager rüberbeamen? 

Erschreckend

Puh, ich schlafe wieder nur solala. Das Zimmer ist vollkommen ok, aber die Luft ist nicht anders als die in Cusco. Daher muss ich immer wieder husten. Es dauert ja nicht mehr lange.

Als ich aufwache, befürchte ich, die Dusche wird wie gestern sein: Kalt. Ich hab mich dennoch auf der Isla del Sol geduscht, gehörte aber einer Minderheit an. Ich werde allerdings hier überrascht. Die Dusche ist herrlich warm. Über Nacht ist es doch deutlich abgekühlt, weshalb ich gar nicht aufhören kann, eine ausgiebige, heiße Dusche zu genießen. Das gefällt mir überaus. Das Frühstück wiederum…besteht aus Tütchen-Instant-Kaffee. Das Brot schmeckt leider auch nicht, und ich erkenne die Erdbeermarmelade lediglich an der Farbe. Der Geschmack erinnert nur an Zucker. Geschmiert werden die Brote an der Theke – alle mit einem Messer. Ich sehe zum Glück niemanden das Messer ablecken, aber wer weiß das schon genau?

Und dann mache ich mich schon auf zur Seilbahn. Die nette Rezeptionistin hat mir gestern einen Weg aufgemalt. Leider verfügt sie über ähnliche malerische Fähigkeiten wie ich – also reichlich wenig. Ich ziehe dennoch los und frage mich durch. Eine ältere Frau bekommt das mit und nimmt mich unter ihre Fittiche. Nach ca. fünf Minuten verabschiedet sie sich, aber nicht ohne Warnung. Ich solle bitte aufpassen. Diese Straße hier sei Hauptdrogenumschlagsplatz. Ich muss die Straße nehmen, um zur Seilbahn zu gelangen. Tagsüber passiert nicht so oft was, aber doch noch häufig genug. Wenn mir einer ein Bonbon anbiete, dann sei da was drin, das mich benommen macht. Also nie was annehmen! Ich solle gut auf mich aufpassen.

Und jetzt? Nehme ich die Beine in die Hände und stürme los. Das ist ja nicht gerade vertrauenerweckend. Aber so leicht stürmt es sich nicht in dieser Höhe. Ich bin auf ca. 3.200 m gestartet und es geht steil bergauf. Meine Panik beflügelt mich. Ich schaffe es unbehelligt, aber schnaufend.

Die Seilbahn ist nett und fährt eine ganz schöne Strecke. Sie kostet gerade mal 3 Bolivianos, also ca. 30 Cent. Die Menschen müssen zur Arbeit kommen, weshalb es für jeden erschwinglich sein muss. Ich fahre hinauf und habe eine tolle Sicht über diesen Hexenkessel. Jedes Fleckchen scheint bebaut und das über eine riesige Fläche. Offiziell sind es unter einer Million Einwohner, aber das glaubt hier keiner. Wer vertraut schon einer Volkszählung in Südamerika? Einen riesigen Quadranten nimmt der Friedhof ein. Er ist für ganz La Paz…da kann man sich die Dimensionen vielleicht vorstellen. Wenn jeder, der hier stirbt, hier seine letzte Ruhe findet, muss es ja auch groß sein.

Es geht immer höher hinauf. Ich bin beeindruckt. An der Endstation bin ich auf 4.095 m. Ein kleiner Unterschied zu vorhin, hm? Und dann sehe ich, dass es noch eine Seilbahn gibt. Ok…kostet ja kaum was, also hinein! Es geht nicht höher hinauf, nur weiter hinaus in die Außenbezirke. Die sehen nicht einladend aus, obwohl hier auch die öffentliche Uni angesiedelt ist. Ich frage eine Frau, die mit mir in der Kabine sitzt, was am Ende der Seilbahn sei? Nichts, nur Wohngebiete. Diese Bahn sei erst seit einem Monat in Betrieb. Und was sollen die lebensgroßen Puppen, die im Overall an Laternen aufgehängt seien? Oh…das. Das seien die hässlichen, bösen Menschen, die einbrechen, rauben und allerhand Böses anstellen. Die Bevölkerung wolle sie aufgeknüpft sehen, aber die Regierung kümmere sich nicht. Dann schaut sie mir tief in die Augen: Ich solle um Himmelswillen aufpassen. Mir sei noch nichts passiert? Ein glücklicher Zufall. Der Rucksack gehört immer nach vorn. Dazu solle ich keinem trauen. Man würde ja sehen, dass ich Ausländer sei, dazu allein unterwegs und eine Frau. Also bitte, bitte, ich solle aufpassen. Und dann steigt sie aus. Gut. Das sitzt. Ich beschließe, oben umzukehren und einfach wieder herunterzufahren. Zu sehen gibt es ja eh nichts.

Auf der Rückfahrt bin ich zuerst allein, später dann mit anderen. Schon komisch, wie kritisch ich plötzlich mein Umfeld betrachte. Leider finde ich an der Umsteigestation keine Möglichkeit, die Stadt zu fotografieren. Alles ist zugebaut. Nun denn, dann fahre ich wieder zurück und mache Fotos. Im Abteil sitzt ein Student des Rechts. Er ist nett, dennoch halte ich meinen Rucksack fest. Besser ist’s. Er verabschiedet sich und wünscht mir alles Gute.

Ich laufe die komische Straße nahezu hinab. So eine Warnung ist ja gut und wichtig, nimmt mir aber auch die Leichtigkeit. So gehe ich einfach wieder zum Stadtkern zurück. Hier gibt es zwar Taschendiebe, aber ich sehe weniger mein Leben bedroht. Daher schlendere ich über eine Brücke zu einem anderen Stadtteil, mache meine Fotos und fühle mich wieder sicherer. Allerdings muss ich was essen. Einfach wäre ein Burger- oder Pizzaladen. Aber Sicherheit habe ich ja schon einmal vorhin gewählt. Daher gehe ich in ein Gebäude mit lauter kleinen Ständen. Wenn man da hochläuft, gibt es so was wie eine Fressmeile – allerdings mit nichts Zuhause zu vergleichen. Stand reiht sich an Stand. Die einen bieten Hühnchen an, die anderen Schwein, eine ganze Reihe offeriert Fisch. Das mit dem Fisch ist mir eine Spur zu heikel. Ich sehe hier auch keine Touristen, obwohl wir nahe des großen Platzes Sankt Francisco sind. Das hier ist was für Einheimische. Aber was denen schmeckt, kann kaum schlecht sein. Ich entscheide mich für was mit Hühnchen. Dazu gibt es Reis, eine Kartoffel, etwas Salat und etwas, das nierenförmig aussieht. Ich frage am Nebentisch, ob das Fleisch oder Gemüse sei? Vermutlich denken die, ich sei lala. Dabei wissen die nicht mal, wie sehr! Nein, es sei Gemüse. Na denn, probiere ich es mal. Es schmeckt mir nicht. Es sind die weißen Kartoffeln, die so eine Spezialität für Andenmenschen sind. Ausländer finden es ja meist fies. Ich bilde da keine Ausnahme. Der Rest schmeckt aber – für gerade mal zweieinhalb Euros.

Ich zockel‘ wieder los. Ein Gewirr von Sträßchen macht es mir schwer, den Ausgang zu finden. Ich frage eine kleine Omi um Hilfe. Die muss gerade zu einem Stand, bittet mich aber, kurz zu warten. Ich tue, wie mir geheißen. Nach fünf Minuten sammelt sie mich ein und winkt mir, ihr zu folgen. Und dann kommt ihr Rat: „Habla con nadie!“ Ich solle mit niemandem reden. Hier passiere so viel. Sie weist mir den Ausgang und betont noch mal, mit keinem zu reden. Es sei zu gefährlich. Jo…nicht so wirklich schön. Drei Warnungen sollten ausreichen.

Ich schaue mich in kleinen Lädchen um, trinke einen Kaffee an einem öffentlichen Platz, aber halte mich zurück. Ich entdecke ein Plätzchen im Schatten und lasse mich dort nieder. Ein alter Opi redet mit mir. Ich hoffe, das ist unverfänglich. Ich kann einfach nicht unhöflich sein. Er ist nett, aber als ich mich verabschiede, überprüfe ich dennoch meine Taschen. Alles ist gut gegangen.

Nun hänge ich ein wenig in einem Park herum, bevor ich zum Bus muss. Ich mag La Paz, aber die offensichtliche Kriminalität ist nicht ohne. Drogen sind ein großes Problem. Meine Mitbewohnerin meinte, Bolivien sei das ärmste Land Südamerikas. Keine Ahnung, ob das stimmt. Es zeigt aber wieder einmal, dass arme Menschen, die nichts zu verlieren haben, auch mal den falschen Weg beschreiten. Wenn ich eine Familie oder auch nur mich selber versorgen muss, wie kann ich das schaffen, ohne zu stehlen? Arbeit wird hier nämlich nicht immer entlohnt und wenn doch, dann zu wenig.

Vom Hotel aus bin ich zügig am Bushof, wo mich ein Polizist darauf aufmerksam macht, doch bitte den kleinen Rucksack anzuziehen, da er sonst im Nu weg wäre. Dazu laufen dann auf einem großen Bildschirm Vermisstenanzeigen von überwiegend jungen Menschen. So schön es hier auch überall ist: Es ist und bleibt Südamerika und somit gefährlich.

Mit dem Bus werde ich dann hereingelegt. Vereinbart war ein größerer, aber vermutlich waren nicht genug Reisende da. Entsprechend fahre ich beengter – aber zum selben Preis. Sieben Briten indischer Abstammung sitzen direkt neben mir. Ich finde sie etwas zu laut und anstrengend, aber sie sind jung. Studenten, die darüber sprechen, dass sie spätestens mit 25 verheiratet sein müssen. Ah ja. Sie fragen mich höflich, ob ich wüsste, wo wir aussteigen und wie sie von da aus zur Innenstadt kämen. Da preise ich natürlich meinen geliebten kleinen Colectivo an. Ich erzähle ihnen auch von Salkantay-Trail, den sie noch vor sich haben. Die Jungs sind begeistert, die Mädels eher blass.

An der Grenze müssen wir aussteigen bei sehr kalten Temperaturen. Niemand begleitet uns. Es ist ein gutes Stück zu laufen, bis wir aus Bolivien „auschecken“ können. Dann geht es über eine Brücke zur Grenze von Peru. Wenn man wollte, könnte man hier locker illegal einreisen, weil uns auch keiner kontrolliert. Wir verbringen fast eine Stunde draußen, bis unser Bus aufkreuzt. Einzige Beruhigung: Wir sind zusammen.

Unterwegs, als alles schläft, stoppt der Bus dann doch plötzlich, weil drei Polizisten mit Taschenlampen alles auf den Kopf stellen. Der Busfahrer hat unterwegs immer mal wieder Einheimische auf- und abgeladen, aber ob das illegal war, weiß ich nicht. Die Polizisten klopfen alles ab, bevor sie wieder davonmarschieren. Ich schlafe noch etwas, bis wir dann um zwanzig nach fünf am Bushof ankommen. Die Taxifahrer Nerven mit ihrem Geschrei, also gehe ich zufuß los. Eigentlich dämlich zu dieser Zeit in dieser Gegend, aber ich schaffe es unbeschadet. 

Und jetzt? Nehme ich eine Dusche und trinke einen Kaffee. Es ist Viertel nach sieben, da darf ich das. Ein großes weinendes Auge wird mich am Montag begleiten, aber auch ein lachendes und erleichtertes. Einfach ist es hier nicht gerade…

La Paz(t) das oder nicht?

Die Nacht ist so verdammt kalt, dass ich nicht einmal die Handschuhe ausziehe. Auch überlege ich, ob ich wirklich schon zur Toilette muss? Selbst im Zimmer herrschen Minustemperaturen. Alter Falter. Dafür wache ich dann aber mit Blick auf eine spektakuläre Kulisse auf. Ist schon was Besonderes. Das könnte ich auch ohne Weiteres jeden Tag genießen – allerdings ohne diese höllische Kälte.

Frühstück gibt es dann doch nicht, aber das macht so gar nichts. Ich hab noch Kekse. Der Abstieg geht deutlich rascher, wenn auch mit mehr Belastung für die Gelenke. Schnaubend kommen mir andere Menschen entgegen. Das beruhigt mich ungemein. Eine Frau hält inne und schaut mich fragend an. Ich sage ihr, es sei noch ein Stück, aber die Aussicht entlohne sie für die Strapazen. Sie meint nur, ich sei so gut dran, weil ich es schon hinter mir hätte. Wie sehr ich nachvollziehen kann, wie sie sich fühlt.

Es sind viele junge Menschen unterwegs. Für sie ist es echt eher ein Abenteuer. Auf der Hinfahrt gestern hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, vier Amerikanerinnen lauschen zu müssen. Was nicht alles „fuck“ oder „awesome“ war. Hauptsächlich reisen aber hier mehr Europäer. Belgier, Franzosen und Deutsche sind am häufigsten vertreten. Das Gute am Alleinreisen: Niemand hört dich reden, also bleibst du „unerkannt“. Wenn du willst, lernst du Menschen kennen. Wenn nicht, dann bleibst du für dich. Der Nachteil am Alleinreisen: Du hast keinen, mit dem du das alles teilen kannst. Ich schreibe es ja auf, aber das ersetzt keinesfalls die Sicht, die Gerüche, das echte Erleben.

In Copacabana trinke ich endlich einen Café con leche, bevor ich mich auf den Weg zu meinem Bus mache. Der Typ, der mich heranwinkt, kommt aus Madrid. Es ist so einfach, hier mit Leuten in Kontakt zu kommen. Er schenkt mir eine Blume zum Abschied – dabei hab ich nur einen Kaffee verköstigt.

Alle Menschen, die ich frage, sind hilfsbereit und freundlich. Im Dschungel fand ich sie am nettesten, aber auch hier sind sie entgegenkommend. Ich sitze nun also im Bus und warte darauf, dass er mich nach La Paz fährt. La Paz! Hallo? Ich kann es noch nicht fassen. Und ein wenig Schiss hab‘ ich natürlich mal wieder. Es muss groß sein und einen fast erschlagen. Ich hoffe sehr, mich dort zurechtzufinden. Auch eine Übernachtungsmöglichkeit wäre toll. Es bleibt also nach wie vor spannend für mich…

Die Fahrt geht durch Hügel und Täler. Zwischendurch ist mir etwas schlecht, und mein Schädel brummt etwas. Die Aussicht ist toll, aber ich mache dennoch ein Weilchen die Augen zu, weil ich nicht spucken möchte. Irgendwann halten wir dann. Äääh? Das ist nicht La Paz. Nö, ist es nicht. Wir müssen raus aus dem Bus, weil der alleine übersetzt. Wir fahren mit einem stinkenden Boot auf die andere Seite. Anders kommt man nicht weiter. Es hat einem nur mal wieder keiner gesagt. Ein doofer Deutscher meckert mal wieder, weil es zwei Bolivianos kostet, also ein Sol, also nicht mal 30 Cent. Ich gebe mich nicht zu erkennen.

Die Fahrt geht weiter. Nach dreieinhalb Stunden kommen wir an. Die Stadt ist riesig und eng. Überall ist Trubel. Wir werden in einer Seitenstraße rausgelassen. Von hier aus heißt es: Guck mal, wie Du klarkommst. Ich frage in zwei Läden nach, ob sie mit Schlafbussen morgen nach Cusco fahren. Die zweite Stelle will 200 Bolivianos. Man hat mir geraten, erst mal „Nein“ zu sagen, weil sie dann den Preis senken. Nö, tut sie nicht. Ich gehe die Straße hinab. Panik will sich meiner bemächtigen. Ich habe keine Unterkunft, und das hier ist kein beschauliches kleines Nest auf einer kleinen Insel.

Nach fünf Minuten komme ich an einem Platz vor einer großen Kirche an. Ich frage weiter, wo der Bushof sei. Sie erklären mir, wohin ich muss. Was bin ich froh, zu wissen, was links und rechts heißt. Ein alter Opi ist richtig lieb. Ich sage ihm, wie gut mir seine Augen gefallen. Warum? Na, sie sind braun und außenherum blau. Das hab ich bislang nur bei Caissa – Johns Frau – gesehen. Der Opi lacht sich noch schlapp, als ich mich schon verabschiedet und bedankt hab. Na, so lustig war das nicht, aber solange er Spaß hat…

Auf meinem Weg entdecke ich ein schmuckloses Hotel. Ja, sie haben ein Zimmer. Es kostet 100 Bolivianos, also 50 Soles, also was um die 16, 17 €. Bingo. Ich bringe meinen Kram ins Zimmer und gehe noch zehn Minuten zum Bushof. Auch das ist klasse, denn morgen kann ich tagsüber meinen Krempel hier lassen. Ich frage einen Mann auf der Straße, wo ich abbiegen muss und später zwei Soldaten, wo ich Tickets erwerben kann. Ausnahmslos jeder ist hilfsbereit – und das bei meinem Spanisch!

Ich erstehe ein Ticket für 180 Bolivianos. Bestimmt könnte jemand anderes handeln – ich nicht. Ich frage an einer anderen Stelle nach, die ca. sechs Euros günstiger ist, dafür aber zwei Stunden länger braucht und ich zusätzlich umsteigen muss. Nö. Ich wähle die bequeme Variante. Glücklich gehe ich zurück zum Hotel. Die Rezeptionistin ist sehr nett. Darüber kommt noch ein Mann hinzu. Ich sei von Deutschland? Das ist doch ein tolles Land. Hm…im Grunde ganz okay, nur geht Nationalstolz bei uns nicht so. Wegen Hitler? Richtig. Ja, das sei ein dunkles Kapitel, aber ich hätte damit ja nichts zu tun gehabt. Richtig.

Ich gehe noch mal los und kaufe mir an einer Straßenbude einen Burger. Welches Fleisch das ist, weiß ich nicht. Ist mir auch wurscht. Dazu gibt es Papas fritas. All das kostet mich gerade mal einen Euro. Für 50 Cent erstehe ich dann noch einen frischen O-Saft. Mir geht es gut. Und so kalt ist es auch nicht. Es herrschen um die 16 Grad – so zu lesen auf einer Anzeige.

Morgen will ich mit einer Seilbahn für 50 Cent nach ganz oben fahren. Die Aussicht muss toll sein. Ich bin gespannt, wie es sich heute schläft. Mein Nacken und Rücken sind mittlerweile sehr leidgeplagt. Mein liebes, gutes Bett: Ich komme! Vorher muss ich allerdings noch ein paar schöne Orte in Südamerika aufsuchen.

Wunderschön und doch so saukalt

Mein Kopf fängt zu spinnen an. Als Marita uns zum Essen ruft, weiß ich, ich werde das alles wieder ausspucken, sollte ich es echt essen. Das tut mir leid und wirkt so undankbar. Meine Mitbewohnerin beruhigt mich: Ich sehe so Scheiße und blass aus, dass man sofort sehe, es ginge mir schlecht. Na dann. Eine Kopfschmerz- und eine Reisetablette später ruft Marita mir ein Taxi. Das ist sicherer. Was kommt nicht? Richtig, das Taxi. Ich gehe also erstmalig zur Straße und suche mir eines. Davon rät man eigentlich ab, aber wir sind nicht in Lima. Mein Fahrer ist nett und plaudert mit mir. Alles geht also gut.

Wir müssen alle noch eine Plakette kaufen, um zum Bus zu dürfen. Ich sitze auf einem Einer – so, wie ich es mir gewünscht hab. Eine Frau geht noch mal raus. Gute Idee. Noch mal schnell Lulu machen, bevor es losgeht. Und dann fahren wir auch schon. Ich döse schnell weg. Diese Schlafbusse haben echt was. Platz ist ausreichend vorhanden. Nur eine Decke wäre schön, aber es geht auch so.

Wir halten, weil der Fahrer was braucht. Es ist schon sechs Uhr. Ich gehe runter und frage, wo die Toilette sei? Es gebe keine. Hä? Insgesamt bin ich zehn Stunden ohne eine 17. Gottseiesnochmalgedankt, dass er mich mit dieser Blase versehen hat. Wir fahren vorbei an zugefrorenen Pfützen, an Feldern, die mit Raureif überzogen sind, aber die Sonne scheint dazu. Plötzlich halten wir und müssen mit ein paar Leuten raus in die Kälte. Bis Copacabana gibt es einen Minibus. Ist mir neu, aber ok. Wir steigen in den Kleinbus. Die Netteste ist – wen wundert’s – eine Kolumbianerin. Eine Belgierin hat sich einen kleinen Peruaner angelacht. Dazu ist noch ein belgisches Pärchen an Bord. Wir fahren los und laden dauernd Einheimische ein. Platz ist irgendwann keiner mehr, aber da geht noch was. Herrlich!

Die Grenze ist auch süß. Wir müssen zufuß zu einem Schalter, wo wir ausreisen. Dann wieder hoch zur Straße und nach fünf Metern wieder runter in ein anderes Haus. Da kriege ich dann ein Visum für 30 Tage. Ich bleibe nur drei, aber egal. Und ab Freitag kann ich dann wieder 90 Tage in Peru bleiben. Mach ich ja aber nicht. Auf die Kolumbianerin müssen wir warten, weil was fehlt. Unser Fahrer erklärt uns dann, dass er durch das Warten Geld verliere. Daher sollten wir noch mal 5 Soles zahlen. Oh je, der Belgier tickt aus. Er zahle keinen Centimo mehr. Der Fahrer solle sich das Geld bei der Agentur beschaffen. Er schnauzt richtig laut. Die belgische Freundin des Peruaners erklärt ihm ruhig, dass es nur fünf Soles seien und der Typ wohl nur einen Hungerlohn bekäme. Nicht sein Problem. Ich zahle. Ich finde auch manches bekloppt und habe für die Fahrt zehn Soles mehr bezahlt, aber diesen armen Kerl anzuschnauzen, finde ich voll daneben.

Ein anderer Fahrer bringt uns nach 15 Minuten nach Copacabana. Ich bin tatsächlich da. Ich suche mir was zu essen, weil es noch ein Weilchen dauert, bis ich zur Isla del Sol übersetzen kann. Die Sonne scheint, aber es ist frisch. Ich bin auf über 3.800 m. Dieser See ist der zweitgrößte auf so einer Höhe. Das alles ist so unwirklich, aber ich genieße es in vollen Zügen. Als ich mein Café verlasse, will ich noch die 17 aufsuchen. Das darf ich auch. Ääääh…es gibt nur diesen kurzen Vorhang? Der flattert ja im Wind. Warum setze ich mich nicht gleich an die Straße? Ich muss dennoch. Es geht vorüber – wie alles im Leben.

Copacabana ist hippiemäßig unterwegs. Es zeigt wohl nicht das „richtige Bolivien“, dennoch gefällt es mir. Es ist gemütlich und bunt. Wie die Insel wohl sein wird? Touristisch ist es hier schon – nicht so schlimm, wie ich es aus Europa kenne, aber urtümlich war bisher am meisten der Dschungel. Trotzdem versprüht so ein Ort hier mit dem riesigen Titicacasee seinen ganz eigenen Charme.

Die Fahrt zur Insel ist nicht mehr als kalt zu bezeichnen. Die Sonne scheint, aber es ist so frostig. Auf der Rückfahrt werde ich mich geschützt nach unten begeben. Die Insel…die ist schön. Könnte allerdings auch irgendwo in Italien liegen. Den Unterschied merkt man aber spätestens beim Aufstieg. Man legt nämlich unten an und muss dann weit hinauf. Der Sicherheitsmensch in mir hat ein Zimmer in einem Hotel gebucht. Das ist zwar recht teuer, aber ich will nicht suchen müssen. Leider liegt es ganz oben auf der Spitze des Berges. So eine verdammte…nee, nicht mal fluchen kann ich. Dazu fehlt hier oben die Luft. Und die Antwort „mas arriba“ stimmt mich nicht gerade feliz. Ich keuche und vernehme irgendwann Musik. Im Dorf (also ganz oben) feiern sie. Corpus Christi ist nach ihrer Definition gestern gewesen. Bei uns und in Cusco ist es Donnerstag, aber sollen sie doch feiern. Scheint, als gebe es mehr Unterschiede zwitschen Bolivien und Peru. Auf Nachfrage meinte der Busfahrer am Morgen zu mir: „Sie sprechen anders und haben andere Kartoffeln.“ Sie feiern aber auch zu anderen Zeiten. Und hier tanzt alles vor der Kirche. Dazu fließt reichlich Bier. Ich bin fasziniert – vergessen ist meine Kurzatmigkeit. Schließlich suche ich dann mein Hotel, finde es auch, aber niemand ist da – gut, außer Hund und Esel. Ich laufe herum, rufe…aber nichts passiert. Nach einer Weile wird es mir zu blöd. Ich gehe zurück und frage in einem Hostel nach. Für 100 bolivianische Soles, also 50 peruanische Soles kann ich mir ein Zimmer teilen. Nö. Ich gehe weiter. Und da finde ich ein Zimmer nur für mich. Es kostet 40 Soles ohne und 60 mit Bad. Das sind umgerechnet nicht mal zehn Euro. Das einzige, was echt krass ist, ist die Kälte, aber die ist im Hotel nicht weniger als hier. Dick eingepackt und mit Handschuhen an liege ich im Bett. Aber auch diese Nacht endet irgendwann.

Alles gut

Heute Morgen erwache ich mit der Hoffnung, dass die Bank mir helfen kann. Ich rufe sofort nach dem Aufstehen bei meiner Bank an und bin heilfroh, denn die nette Frau regelt alles. Es kann zwar ein paar Stunden dauern, aber dann sollte es gehen.

Die Küche schaut wieder aus wie Sau. Ich habe keine Ahnung, wie Marita das immer schafft, aber es ist wirklich unterirdisch. Ich beschließe aber, heute nicht zu spülen. Stattdessen breche ich zeitnah auf ins Städtchen. Ah, mein Correcamino ist proppenvoll. Zuerst fährt er vorbei, hält dann aber doch noch in zweiter Reihe. Obwohl es voll ist, steigen noch zwei Leute nach mir ein. Ich werde gequetscht, muss aber dennoch grinsen. Das ist einfach lustig. Erst vier Stationen vor meinem Ausstieg leert es sich schlagartig, so dass ich mich kurz hinsetzen kann. Und da sehe ich dann, wie ein Seil von der Schaltung zur Vordertür gespannt ist. Die Taste zum Öffnen funktioniert wohl nicht mehr. Ist ja aber auch egal, weil die Hupe noch geht. Solange die funktioniert, ist der Bus einsatzfähig. Ich liebe diesen kleinen Bus, der mich am Anfang echt Nerven gekostet hat.

Ich gehe zur Sprachschule und will Libi und Lilly überraschen. Leider geben beide gerade Unterricht, aber Libi umarmt mich fest. Dann komme ich eben zur Pause wieder. In der Zwischenzeit gehe ich einfach zu meinem Mercado. Milchreis gibt es leider noch nicht. Na gut, dann nehme ich einen Café con leche und lasse mich tatsächlich von der Omi zu einem Pan nata überreden. Das ist der abgeschöpfte Rahm, den sie einem aufs Brot schmieren. Was soll ich sagen? Es schmeckt. Mein Vater wird gerade nicken, während meine Mom sich schüttelt. Da Omi nix zu tun hat, plaudert sie mit mir. Ich finde es rührig, wie sehr sich diese Leute auf mein bisschen Spanisch einstellen. Sie fragt natürlich auch wieder, ob ich einen Mann hätte. Nö. Sie meint, das sei leichter, aber ich bräuchte doch Kinder! Ah ja… In Deutschland würde ich jemandem den Salzstreuer reichen, um noch mehr in meine Wunde zu kippen, aber ich bin nicht mal getroffen. Es ist, wie es ist. Gerade habe ich meinen Frieden damit.

Plötzlich werde ich von rechts angesprochen. Ich sei aus Deutschland? Jepp. Das hatte ich Omi vorhin gesagt. Er habe unter anderem Deutsch studiert, aber das sei schon über 10 Jahre her. Er spricht gut, was ja in unserer Sprache nicht so einfach ist. Ich sage ihm, ich spreche erst seit knapp drei Monaten etwas Spanisch. Er lobt mich. Das tun irgendwie alle, was ich nett finde – wenn auch nicht den Tatsachen angemessen. Er heißt Luis, hat sein eigenes Fahrunternehmen, eine Schwester, die in Deutschland wohnt und ist sehr offen. Er baggert nicht, sondern ist an Menschen an sich interessiert. Er erinnert mich in seiner offenen, freundlichen Art an meinen lieben Gustavo aus Kolumbien. Er lacht über die „typisch Deutschen“, die immer eine Art Plan brauchen, sich über fehlenden Strom oder verspätete Busse aufregen, aber findet vieles auch sehr gut. Irgendwann einmal will er in Deutschland leben und wohnen. Warum? Es ist die Sicherheit, die Planbarkeit, die die meisten an unserem Land lieben. Er gehört nicht zu denen, die ohne Arbeit glücklich wären. Und er ist auch nicht blauäugig und denkt, bei uns würde Milch und Honig fließen. Leider muss ich zurück zur Schule, aber vorher gibt er mir noch seine Nummer. Wenn irgendwas sei und ich Hilfe bräuchte, könne ich ihn jederzeit anschreiben oder anrufen. Und da haben wir wieder dieses Phänomen, dass Wildfremde mir ihre Hilfe anbieten. Ich mag es einfach, wie so was in Südamerika funktioniert.

In der Schule lerne ich noch Udo aus Schwaben kennen, während ich von Libi und Lilly immer wieder geherzt werde. Wir haben ja unsere Nummern, also bleiben wir in Kontakt.

Viel schwieriger gestaltet sich dafür das Geldabheben. Meine Nummer wird wieder als „falsch“ bezeichnet. Ich rufe Zuhause an…eine Zahl könnte sowohl eine drei als auch eine acht sein. Wenn ich jetzt aber noch mal probiere, ist wieder alles gesperrt. In weiser Voraussicht habe ich meinen Pass dabei. Dafür muss ich aber zu einer anderen Filiale, wie es heißt. Und da verrät man mir, dass die Bearbeitung schlappe 54 Soles kostet. Was soll ich machen? Ich brauche ja Geld. Ich gehe zufuß die 5 km im Sonnenschein zurück und mache einen Abstecher zum Bushof. Für 60 Soles gönne ich mir einen Nachtbus, in dem ich pennen kann. Um 22:30 Uhr geht es los. Um 8:30 Uhr bin ich dann in Copacabana. Wie geil ist das denn bitteschön?!

Frohgemut gehe ich dann in den großen Molino – ebenfalls ein Markt, aber noch viiiiel größer als mein Mercado San Pedro. Ich besorge Limetten, Knofi, Tomaten, Avocado und Brot. Und dann entdecke ich Kuhmäuler. Sie liegen in der Auslage – gleich neben den Testikeln. Bäääääh! Ich fotografiere es, aber die Marktfrau will, dass ich das probiere. Es sei so lecker! Und gesund! Und pure Natur! Ich erkläre ihr, verrückt zu sein, aber das könnte ich beim besten Willen nicht. Sie und der Mann vom Nebenstand lachen. Ist das ekelig!

Und so geht es auch weiter. Zurück in der Wohnung sieht die Küche auch richtig ekelig aus. Marita ist da, aber hatte noch keine Zeit. Ist klar… Meine Mitbewohnerin kommt nach Hause. Marita spült drei Teile und muss dann ihre kleine Tochter beim Exmann abholen. Ich kann unmöglich irgendwas in der Küche machen, so zugemüllt ist es dort. Daher spüle ich – entgegen meines Vorhabens vom Morgen. Meine Mitbewohnerin versteht mich nicht. Sie findet es zwar auch ekelig, kann aber einfach darüber hinwegsehen. Ich leider nicht. Als ich fertig bin – inklusive Anrichte, Herd und Mülleimerleerung – kommt Marita zurück. Aber nicht doch! Sie wollte das doch machen. Naja, sie hatte ja bis heute Nachmittag Zeit und hat es nicht gebeamt bekommen. Ich mache die Guacamole fertig und bin zu höflich, denn ich frage, ob sie sich zu uns setzen und mitessen mag. Oh ja! Sie mag das so gern. Äääh…wir zahlen dafür, dass wir hier Essen bekommen. Aber was soll’s? Sie redet hin und wieder mit uns, ist aber meist mit ihrem Handy beschäftigt. Ich begreife diese Frau nicht, aber muss ich das? Ich bin jetzt erst mal weg, dann noch für gute zwei Tage hier und danach auf dem Weg nach Deutschland. Was soll ich mich also aufregen?

Ich spüle unsere Sachen weg (meine Mitbewohnerin schüttelt über so viel Dummheit den Kopf) und packe danach. Das nächste Abenteuer steht an. Da will ich mich nicht über so Kleinkram wie Spül ärgern. Und da ich nur das Gute behalten möchte, mache ich kein Foto von der vermüllten, verdreckten Küche. Traurig, aber wahr: Da war es selbst im Dschungel sauberer und aufgeräumter.

Und jetzt? Esse ich noch einen Happen und gehe dann los zum Bus. Keine Ahnung, ob ich mich von Bolivien aus melden kann. Ansonsten werden Berichte und Fotos am Wochenende nachgereicht.

Jeder Tag ein kleiner Abschied

Heute Morgen schlafe ich etwas länger. Die Küche sieht aus wie ein Schlachtfeld, also spüle ich erstmal. Sylvia haben sie gefeuert. Warum? Nun, sie hat sich beschwert, weil Maritas Vater sie immer wieder angetatscht hat. Obwohl das wohl schon häufiger Bedienstete gesagt haben, kann das nicht stimmen. Klar, dass man dann das Opfer feuert, oder? Jetzt arbeitet sie aber für die Eltern von Maritas Ex. Komische Welt. Maria möchte als nächstes aber auch eine ältere Angestellte haben. Warum nur?

Mittags mache ich mich auf den Weg in die Stadt. Zuerst muss ich dringend zur Bank. Leider gebe ich die Nummer einmal falsch ein. Die Maschine wertet es leider als vier falsche Eingaben – der Henker weiß, warum. Infolgedessen wird meine Karte gesperrt. Das ist echt ätzend. Ich rufe den Kartensperrdienst an. Der Mann ist sooooo langsam, dass man ihm locker unterm Gehen die Schuhe besohlen könnte. Immerhin stimmt er mir zu, dass ich in einer doofen Situation bin. Ach was, das ist ja ein ganz Schlauer. Er kann leider nur sperren, nicht entsperren. Aaaaah! Da wirste bekloppt. Ich muss morgen früh meine Bank anrufen, dass alles wieder entsperrt wird. Entsprechend konnte ich Bolivien noch nicht buchen. Ich bete, dass ich das noch hinbekomme.

Ich kämpfe ohnehin wieder mit meiner Komfortzone. Ich könnte eine Tour buchen, was leicht wäre. Leider geht keine so, wie ich das mag. Außerdem mache ich die besten Erfahrungen außerhalb meiner Komfortzone. Daher sollte ich wohl nur die Hinfahrt buchen und den Rest spontan machen. Und obwohl ich meine Komfortzone hier x-mal verlassen habe, ist der innere Schweinehund nach wie vor sehr stark.

Auf der Plaza de armas ist wieder die Hölle los. Die Schulen haben einen Tanzwettbewerb. Ich ertappe mich dabei, wie ich nach „meinen Kindern“ Ausschau halte. Die sind natürlich nicht in Cusco! Und dann sehe ich Isabella. Oh, das tut einfach gut. Sie ist mir echt ans Herz gewachsen. Wir gehen kurz in eine Reiseagentur. Eigentlich wollte ich mit ihr irgendwo schick hingehen. Mein Geld reicht aber nie im Leben für was Teures. Wir schlendern herum und gehen einfach zum Mercado San Pedro. Dort genehmigen wir uns Reis mit Gemüse und dazu papas fritas. Es tut so gut, hier mit ihr zu sitzen, zu plaudern und uns die letzten zwei Wochen zu erzählen. Ich plapper wieder viel zu viel, aber fühle mich einfach sauwohl.
So vergehen Stunden. Sie zeigt mir einen schönen Stadtteil, den ich noch gar nicht kannte. Es ist zwar Winter hier, aber die Sonne knallt ganz schön. Gemütlich hocken wir etwas oberhalb der Stadt und genießen es, nirgendwohin zu müssen. Außer um 18 Uhr. Da bin ich mit Ellie verabredet. Ich überrede Isabella, mitzukommen (harte Arbeit, weil sie befürchtet zu stören). Mit Ellie verbringen wir dann auch noch mal ein paar Stunden, weil es einfach gemütlich ist.
Und dann heißt es, Abschied nehmen zu müssen. Ich mag nicht denken, dass ich Isabella nicht mehr wiedersehe. Es gibt Mittel und Wege, daher glaube ich einfach, wir werden uns noch mal in Deutschland sehen. Ellie umarmt mich kurz, weil wir uns Sonntag noch treffen wollen. Diese Menschen haben mir so gut getan, dass ich nicht einfach so loslassen kann. Isabella muss mehrere Umarmungen hinnehmen. Ich bin froh, sie im Projekt gehabt zu haben und von ihr lernen zu dürfen.
„Zuhause“ habe ich dann wieder volle Hütte. Ein wenig plaudere ich noch mit meiner Mitbewohnerin, sie so gar nicht emotional ist. Sie versteht manches nicht, was mich hier so bewegt. Isabella hat mir etwas erzählt, was sie auf dem Salkantay-Trail erlebt und sie tief berührt hat. Für meine Mitbewohnerin ist all das nur Geschmarre. Das macht sie mir nicht unsympathisch. Ich finde es nur bedauerlich, wenn jemand so gar nichts empfinden kann und alles nüchtern betrachtet. Mir gibt all das so viel, dass ich es anderen auch wünsche. Aber…jeder so, wie er mag.
Ich gehe früh ins harte Bett, huste hin und wieder und schlafe solala. Mein Bett wird mir eine Freude sein. Aber all das „Geschmarre“ hier wird mir dennoch sehr fehlen.

Cusco – meine zweite Heimat

Ich frühstücke in Ruhe mit meiner Mitbewohnerin. Schlafen konnte ich in dieser ersten Nacht nicht gut. Die Luft? Ja, die auch. Und dazu dann das neue Bett. Ich war hier an eine fürchterlich durchgelegene Matratze gewöhnt. So eine hatte ich dann auch im Dschungel – abgeranzt, durchgelegen und quasi kaum noch vorhanden. Nun hat Marita aber einiges geändert, was auch eine zusätzliche Matratze beinhaltet. Und die ist hart. Das mag ich ja, schlafe aber seit 11 Wochen auf so einem Rotz, dass sich mein Körper erst wieder umgewöhnen muss. Außerdem habe ich jetzt wieder what’s app! Ich muss also mit meiner Familie telefonieren. Und da bin ich ja wie ein Kleinkind an Weihnachten. Ich kann es nicht abwarten.
Um 13:30 Uhr bin ich mit Ellie verabredet. Da kann ich vorher locker noch das müffelnde, klamme Zeugs aus meinem Koffer waschen. Und am Morgen habe ich echt eine warme Dusche! So ein Luxus! Dafür fehlen mir zwar die Kinder, aber alles hat seine Zeit. Die Geräusche sind auch erst mal wieder gewöhnungsbedürftig. Hier zirpen keine Grillen, pfeifen keine Frösche oder Vögel. Hier hört man allerdings den typischen Sound Südamerikas: Autoalarmanlagen.
Ich mache mich auf und muss beim Anblick des blauen Colectivos schmunzeln. Ja, Dich habe ich auch vermisst. Ich steige in den übervollen Bus ein, und schon legt er sich wieder ins Zeug. Da erblicke ich ein Blatt mit einer Preisänderung. Hallo? Da bin ich gerade mal 7 ½ Wochen weg, und die ändern die Preise?! Von 70 auf 80 Centimos. Ich sehe aber, wie einige weiterhin 70 abdrücken. Watt denn nu? Ich frage die Frau neben mir. Sie sagt, es seien nun 80 Centimos, aber wenn man 70 zahle, sei das auch ok. Ich muss ein aufsteigendes Lachen niederringen. Alter! 70 oder 80? Man kann doch nicht einfach zahlen, was man sich gerade so denkt! Doch, das geht hier. Später höre ich, dass sie richtig Rabatz gemacht haben. An einem Tag wurde komplett gestreikt, und Studenten hatten an die 80 Colectivos gekidnappt und aufs Unigelände verfrachtet, um so die Preiserhöhung rückgängig zu machen. Es hat aber alles nichts genutzt. Und nun zahlt jeder, was er meint. Ich schätze aber, ich als Ausländer kann nicht machen, was ich will, weshalb ich brav 80 abdrücke.
Die Avenida el Sol erstrahlt im Sonnenschein. Hier knallt die Sonne mehr als in den letzten Wochen im Dschungel. Allerdings liegen die Temperaturen nur so um die 15 Grad. Aber es ist wieder jede Menge los. Was ist der Grund für den Aufmarsch der ganzen Gruppen, ihr Tanz auf der Straße und die Musik? Ganz einfach: Es ist Juni. Ist klar, oder? Im Juni wird quasi dauergefeiert. So einfach ist das. Es gibt zwar ein paar „feste“ Feste, aber an allen anderen Tagen wird auch was gefeiert, nur um zu feiern. Dazu knallt die Sonne vom Himmel herab, alle möglichen Leute bieten ihre Waren feil, und ich lasse mich treiben.
Und dann treffe ich Ellie. Sie hat noch zwei Wochen, bis sie ihre Arbeit für die Organisation beendet. Der Doof aus Deutschland hat sie ja rausgedrückt. Wir sind uns beide sicher, dass es die Organisation nicht mehr lange gibt. Ich überlege schon, wie ich mit ihm noch ein erheiterndes Gespräch führen kann. Er hat es geschafft, dass eine andere Voluntärin früher abgereist ist, nachdem er sie via Skype so zur Sau gemacht hat, dass sie heulen musste. Bevor er mich zum Heulen brächte, würde er über die Klinge springen. Ich finde nur, er darf damit nicht durchkommen.
Ellie und ich essen vegetarische Bürger und trinken einen fetten Fruchtsaft. Aaaaah, das ist Luxus pur. Wir kommen wieder vom Hering auf die Torte. Und irgendwann sagt sie, ich erinnere sie an eine Amerikanerin. Meine Gesichtsform, meine Gestik, Mimik, aber auch inhaltlich. Dann zückt sie ihr Handy und zeigt mir auf YouTube ein Video.
https://youtu.be/7GEzL-08Q1g
Ich wette, nicht jeder kann damit was anfangen. Ich allerdings schon. Und Ellie hat Recht. Ich bin selber erstaunt, weil ich mich hin und wieder ertappt fühle. So haben wir alle unsere Doppelgänger, hm?
Wir verabschieden uns und treffen uns morgen erneut. Ich genieße die letzten Tage in Cusco. Ich treffe Isabella und Ellie, will morgen oder übermorgen noch mal zur Schule und auch noch den Markt besuchen.

Dienstagabend werde ich wohl den Nachtbus nach Puno nehmen, von da aus nach Copacabana in Bolivien fahren und zur Insel „Isla dem sol“ übersetzen. Ich bleibe nur eine Nacht und fahre dann noch nach La Paz. Wenn ich schon mal in Bolivien bin, sollte ich auch was sehen, oder? Zu den mittlerweile über 6.000 Bildern (ja doch, ich weiß, wie bescheuert ich bin!) werden sich dann noch einige hinzugesellen. Diese Welt ist so anders, so schön und so wertvoll.

 

Ich hänge hinterher…

Nun denn…der Morgen ist gekommen – mein letzter Morgen in Chaskawasi. Es regnet seit gestern spätnachmittags. Puh…und es ist kalt. Es hilft ja nichts, ich muss raus aus den Federn. Ich packe, krame und schlurfe dann zum Frühstück. Da bereite ich dann erstmal die Becher mit Süßigkeiten für die Kinder vor. Ich bleibe dabei natürlich nicht unentdeckt. Andi hilft mir – wie selbstlos. Die Kinder freuen sich natürlich, aber kaltes Wetter lässt sie immer lethargisch werden. Sie hocken herum mit Handtücher oder Decken.

Gary entschließt mal kurzerhand, alle meine Fotos von Salvación zu brauchen. Ääääh, das sind schätzungsweise 3 – 4.000. Das hält natürlich auf. Zwischendurch gehe ich in die Küche und verabschiede mich von Juanita. Sie schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, sagt mir, ich müsse wiederkommen, umarmt mich mehrfach und gibt mir einige Küsschen. Gary darf uns fotografieren. Ich verstehe diese kleine, knochenharte Frau nicht. Sie mag mich. So einfach, mehr muss ich nicht wissen.

Ein paar Kinder sind beim Arzt zur Vorsorgeuntersuchung. Ja, es ist Samstag, aber das ist Peru. Ich krame das restliche Zeug und verabschiede mich. Sie sind anders hier…so knuddelig sie gestern auch waren, sind sie heute teilnahmslos. Jo, Tschüss dann. Jo, Tschüss. Ich bin etwas fassungslos, aber so muss ich auch nicht weinen. Joel kommt dann aber doch noch mal und drückt mich, seine Schwester Marcella lässt mich dann fast nicht mehr los. Und mein Schlumpf Elmer umarmt mich gewohnt linkisch. Das war’s. Ich gehe nach vorne, um auf mein Moto-Taxi zu warten. Savela schaut nach den kranken Zwillingen. Mariela bekommt von mir die Filzstifte. Sie umarmt mich mehrfach, als das Taxi vorfährt und hupt. Elmer kommt angeschlurft, wünscht mir eine gute Reise und drückt mich noch mal. Ich verabschiede mich von bzw. bedanke mich bei Savela, aber da steigen die Tränen schon auf. Sie sagt, wir schreiben uns und bleiben in Kontakt, bedankt sich bei mir und drückt mich noch mal. Jetzt aber schnell weg, sonst rotze ich echt.
Im Dorf lade ich den Koffer ab und gehe rüber zum Arzt. Ich verabschiede mich von Junior, Rober, Ayde und meinem Schätzchen Diego. Alle umarmen mich noch mal. Gott, sie sind einfach wunderbare Geschöpfe. Gloria fehlt aber noch, also warte ich noch fünf Minuten, bis sie aus einem Behandlungszimmer kommt. Wer mich kennt, weiß, wie wenig ich vergesse – manchmal zum Leidwesen meiner Umgebung. Aber ein Wort ist ein Wort. Ich habe also den versprochenen Lippenstift nicht vergessen. Ich gebe ihn Gloria, die mich fest umarmt. Wir sitzen abseits, und ich flüstere ihr zu, wie toll ich es fände, wenn sie meine Tochter wäre. Daraufhin drückt sie mich noch fester und holt tief Luft. Wir haben es beide schwer und lösen uns nur schwer voneinander. Sie war manches Mal eine Herausforderung, aber sie hatte ich schon ins Herz geschlossen, als ich sie lediglich von einer Erzählung kannte.
Ich winke allen noch einmal zu und gehe dann schweren Herzens.

Gary steht am Bus. Ich gehe zu ihm. Er mag Abschiede nicht, ich weiß. Wir gehen ein paar Meter. Dann verabschieden wir uns. Ich wünsche ihm, dass er seine Ellie (vom Film „oben“) finden wird. Er wünscht mir auch alles Gute, bedankt sich, und da denke ich, ich muss ihm noch was sagen. Also erkläre ich, zwar jünger zu sein, dennoch einen Wunsch zu haben: Er solle doch anfangen, sich selber etwas mehr zu lieben. Aber das täte er ja! Ich schaue ihn an und sage leise: „Nicht wirklich, hm?“ Vielleicht ist es Einbildung, aber es wirkt auf mich, als würde kurz die Maske fallen, und sein Schmerz wird sichtbar. Er umarmt mich, bedankt sich und wünscht mir, ich möge einen tollen Mann finden…und schlurft davon. Das Leben ist manchmal komisch.

Isabell, die Obstfrau, steht ja auch noch aus! Als sie mich erblickt, schlägt auch sie die Hände über dem Kopf zusammen. Wann würde ich wiederkommen? Keine Ahnung. Oh nein! Sie drückt mich immer wieder, gibt mir Küsschen, sagt mir, wie gut ich sei und dass sie mir alles Gute wünsche…für die Reise und mein Leben. Und bitte, ich möge doch wiederkommen. Diese Herzlichkeit rührt mich und lässt mein Herz voll werden. Ich lade hier echt eine Art Akku auf.

Ich gehe zum Bus. Es dauert noch. Okay, dann kaufe ich noch Bananen bei der Bananenfrau. Wohin ich denn wolle? Na, nach Hause. Wie jetzt, ich reise ab? Äääh, ja. Aber nein! Sie drückt mich und gibt mir auch Küsschen. Mit ihr hatte ich wirklich wenig zu tun. Gut, Freitag habe ich sie fotografiert, wie sie mit ihrem Kaugummi große Blasen gemacht hat und anschließend wie ein Teenie gekichert hat, aber es ist schön, so liebe, herzliche Menschen zu erleben. Elias fährt vorbei und ruft noch „Gute Reise“. Ich blicke die Straße hinab, atme tief durch und verabschiede mich.
Im Bus sitze ich neben zwei Männern und rede mit ihnen. Plötzlich muss ich grinsen. Auf dem Hinweg hatte ich keine Stimme und hätte zudem keine Traute gehabt, Spanisch zu sprechen. Und jetzt? Ich spreche immer noch nicht viel, aber es ist mir egal. Ich rede einfach. Wir haben Spaß, sie bedanken sich für die Bananen, die wir gemeinsam mümmeln. Hinter mir sitzt Carmen (die Lehrerin) mit ihrer Tochter. Auch sie bekommen Bananen ab. Es geht mir gut, ich fühle mich friedlich, auch wenn ich traurig bin.

Die Fahrt ist heftig. Es hat so viel geregnet, dass die Flussdurchquerungen wirklich krass sind. Alles läuft gut, auch wenn wir kurz von Polizisten angehalten werden, die den Bus kontrollieren. Ich habe vergessen, die Reisetablette zu nehmen. Es geht zwar, aber toll fühlt sich anders an. Ich kaufe mir beim letzten Halt einen Ananas-Orangensaft. Premiere! Ich kriege ihn erstmalig in einer Plastiktüte, denn die Becher sind alle. Leider schnürt Omma die Tüte zu fest zu, was den äußerst hochwertigen Strohhalm kaputtdrückt. Das merke ich aber erst im Bus. Ich frickel‘ herum, muss aber schließlich aufgeben, ein Loch reinstechen und direkt aus dem Tütchen trinken.
Und dann kommt nach einer Weile die Bitte von hinten, eine Tüte durchzureichen. Ich überlege kurz, meine anzubieten, aber wenn ich schon Schwierigkeiten habe, da was draus zu trinken, wie schwer muss es dann erst sein, durch so ein kleines Loch zu göbeln? Der Fahrer zückt routiniert eine Rolle, reißt eine Tüte ab und reicht sie nach hinten. Alles geht gut – zumal ich nicht diejenige bin, die spucken muss.

Ich komme platt in Cusco an, nehme ein Taxi zur Wohnung und will nur schlafen. Aber nein! Alle erwarten mich. Sie haben extra gekocht. Selbst Sido alias Rodrigo spricht mit mir. Äääh… Wer hat die denn ausgetauscht? Wir essen zusammen, plaudern etwas und bringen uns auf den neuesten Stand, bevor ich dann endlich ins Bett kann. Die trockene Luft schlägt mir sofort auf die Bronchien, aber ich bin sicher wieder zurück…aber die Kinder fehlen mir einfach.